Fazit und Ende

Warschau. Für fast ein Jahr als Austauschstudent an der Weichsel. Es war ein fast perfektes Jahr. Und so fällt das Fazit durchweg positiv aus. Meine Erwartungen wurden übertroffen, ungeahnte Perspektiven und Möglichkeiten taten sich auf. Eine Leichtigkeit des Lebens schwang mit. Viele interessante Menschen begegneten einem, aus einigen wurden neue gute Freunde.

Mit diesem zugegebenermaßen etwas verspäteten Fazit endet auch der Blog “BerlinWarschau.de” - zumindest ersteinmal. Vielleicht gibt es ein neues Projekt, vielleicht ein Wiedersehen. Bis dahin bleibt die Seite vorerst einfach so wie sie ist. Vielen Dank für’s lesen.

Bis dahin ;)

Erasmus in Warschau - Ein Erfahrungsbericht

Der folgende Artikel wurde von mir für eine Zeitschrift meiner Heimatuniversität verfasst. Er ist gleichzeitig Rückblick auf das Auslandsjahr in Warschau und Bericht über die Eigenheiten Warschaus, so wie ich es kennengelernt habe. Deshalb soll er hier im Blog nicht fehlen:

Ein Jahr ERASMUS in Warschau, der Stadt der Kontraste und des Aufbruchs

„Ich fahre im Sommer zwei Wochen auf die Malediven.“ „Ach echt? Da war ich letztes Jahr. Echt schön. Aber ich fahre dieses Jahr auf Safari nach Kenia.“ „Soll auch schön sein, mein Nachbar war letztens da.“ – Diesen Dialog kann man wahrscheinlich zwischen Kiel und Freiburg so oder so ähnlich ohne weitere Verwunderung häufiger hören. Ersetzt man die Malediven aber durch Polen, läuft der Dialog meist so: „Ich werde im Sommer in Polen sein, in Warschau.“ „Polen? Warum das denn?“ Der Nachbar im Osten ist vielen fremd, die Reaktion ist meist ein überraschtes Unverständnis. Polen ist für viele exotischer als weit entfernte Inseln im Pazifik, für manche auch nur „kurz vor Russland“. Ein Studienjahr im Ausland, na klar. Aber Polen? Warum denn nicht die USA, Frankreich oder Großbritannien. Meinetwegen auch Skandinavien. Aber Osteuropa und Polen? Antworten, warum gerade Polen, gibt es viele. Und nach bald einem Jahr in Warschau ist für mich die Auswahl an Gründen, die dafür sprechen, nur noch größer geworden.
Es ist Montagmorgen, etwa kurz nach neun. Die Sonne scheint und es ist bereits angenehm warm. In Gedanken ist man noch im Wochenende, und das war mal wieder lang. Denn eines war schon nach wenigen Wochen in Warschau klar: Langweilig wird es nicht werden. Die Stadt hat viele, sehr viele Clubs, Cafés, Kneipen, Theater, Galerien und Alternativkunstprojekte. Die Clubszene wird als eine der interessantesten in Europa beschrieben, von Szene-Diskos, Clubs in alten Fabrikgebäuden bis zu Yuppie-Läden ist alles in großer Auswahl dabei. Gleiches gilt für Kneipen und Cafés, das Angebotsspektrum reicht dabei von studentischen Kellerkneipen, atmosphärischen post-sozialistische Cafés, bis hin zu Kunstkneipen mit Live-Konzerten und kleinen versteckten Hinterhofbars oder den derzeit sehr beliebten Kombinationen aus Buchladen und Café.

Ein paar Momente später. Der Bus kommt. Er ist voll, wie so oft. Doch wie immer bewahrheitet sich eine der Besonderheiten des Busfahrens in Warschau: Mag es auch noch so voll sein und der Fahrer wie ein Verrückter beschleunigen und bremsen, keiner tritt einem anderen auf den Fuß oder schleudert unkontrolliert durch den Bus. Höchstens beim Aussteigen könnte man einen Ellbogen einer älteren Dame in der Seite haben, die unbedingt als erste den Bürgersteig erreichen möchte. Wer mit dem Bus oder der Straßenbahn durch das Zentrum von Warschau fährt, der wird bald auf eine weitere Eigenschaft dieser Stadt stoßen: Kontraste. Denn mag Warschau auch auf den ersten und flüchtigen Blick manchmal grau, unfreundlich und chaotisch erscheinen, so merkt man schon bald, dass es diesen Begriffen nur oberflächlich gerecht wird. Denn mindestens auf den zweiten Blick stellt man fest, dass es kein einheitliches Urteil über diese Stadt geben kann. Die Kontrastspanne reicht von UNESCO-Weltkulturerbe-Altstadt über Gründerzeitbauten und Stadtvillen hin zu sozialistischen Prachtbauten und Plattenbauten, sowie die nach 1989 entstandenen und entstehenden Glasbauten der neuen „kapitalistischen Ära“, die manchen bereits von klein Manhattan sprechen lassen, was aber noch etwas übertrieben ist. Kurz gesagt, man könnte durch fünf Straßen laufen und meinen, man wäre in fünf verschiedenen Städten. Und gerade darin liegt die Spannung und der Reiz der Stadt: Sie ist jeden Tag anders und man kann immer Neues entdecken. Und selbst eine Palme, wenn auch eine künstliche, ist mitten im Zentrum dabei nichts Ungewöhnliches.
Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt erreicht mein Bus die Universität, die als eine der besten des Landes gilt (bei einem Gastvortrag im Rahmen einer Vorlesung nahm sogar der Umweltminister neben den Studenten platz). Der Hauptcampus liegt mitten im Herzen der Stadt, direkt am Warschauer Prachtboulevard Nowy Świat beziehungsweise Krakowskie Przedmieście. Die hauptsächlich klassizistischen Uni-Gebäude wurden erst vor kurzem renoviert und erhielten so ihre alte Pracht zurück. Die meisten Vorlesungen und Seminare der Politikwissenschaftlichen Fakultät werden hier gehalten. Aber auch die Historiker sitzen in den alten Gebäuden, die die Folgen des Warschauer Aufstandes von 1944 (nicht zu verwechseln mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943) größtenteils unbeschadet überstanden, weil sie als deutsche Polizeistation genutzt wurden. Womit man direkt bei einem für Warschau, die Uni und ganz Polen wichtigen Thema angelangt wäre, was zumindest kurz gestreift werden muss: der Aufstand. Der Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg, gegen Unterrückung und für die Demokratie und das untätige Zusehen der Sowjetarmee – dieser Aufstand beeinflusst bis heute das polnische Selbstverständnis und ist mit unzähligen Gedenktafeln im Warschauer Stadtbild präsent. Und trotz der schwierigen Geschichte, gerade zwischen Deutschland und Polen, ist es heute überhaupt kein Problem, als Deutscher in Polen zu leben. Man wird nur selten mit Skepsis und Misstrauen empfangen, denn das Deutschland-Bild hat sich seit den 1990ern stetig verbessert. Mittlerweile bekommt Angela Merkel sogar mehr Sympathiewerte als der derzeitige polnische Präsident Lech Kaczyński.

Gute neunzig Minuten später, die Vorlesung ist gerade beendet, steht eine kleine Pause bevor und es geht mit einigen Kommilitonen aus Polen und anderen ERASMUS-Studenten ins „Kafka“, ein kleines Café in der Nähe der Uni. Der Himmel ist blau und der Frühlingsanfang lädt gerade dazu ein, sich in einen der Liegestühle in der Sonne zu setzen und ein bisschen zu plaudern. Geredet wird meist auf Englisch, denn Polnisch lernen zwar die meisten, aber wenn es komplexer wird, wechselt man schnell ins für alle sicherere Englisch. Die Lehrsprache an der Uni ist es für die meisten ohnehin. Zusätzlich gibt es auch einige fremdsprachige Vorlesungen auf Deutsch oder Französisch. Bei so einem Besuch in einem Warschauer Café merkt man dann, was Europa und was ERASMUS bedeutet. Studenten aus Polen, Frankreich, Deutschland, Slowenien, Bulgarien, Rumänien, Italien, Norwegen oder Portugal (die Liste ließe sich beliebig fortsetzen) treffen in einer Stadt zusammen, in der vor knapp 70 Jahren der Zweite Weltkrieg in einer der abscheulichsten Arten tobte, und diskutieren gemeinsam über ihre Erfahrungen, verschiedene Sichtweisen und die Zukunft. Warschau entwickelt sich seit einiger Zeit zur Metropole und Drehscheibe für Ost- und Mitteleuropa, was sich in einer ungeheuren Dynamik und einem überall spürbaren Aufbruch bemerkbar macht, und behält sich dabei doch ihre charmanten Eigenheiten wie die „Milchbars“ mit landestypischen Essen oder den kleinen Händlern auf Märkten oder Hallen.
Nach dem Café-Besuch geht es noch auf ein Stündchen in die neue Uni-Bibliothek, die mit ihrem verzaubernden Dachgarten bereits eine der neuen Geheimtipps in Warschau geworden ist. Nach einem Anruf geht es dann spontan zu einem Jazz-Konzert ins „Plan B“, einen Mix aus Café und Kneipe, das am atmosphärischen Plac Zbawiciela gelegen ist. Der Platz selber symbolisiert dabei die so typische Warschauer Symbiose: Barocke Kirche umrundet von Zuckerbäcker-Architektur und dem Elan des Aufbruchs in den umliegenden Cafés.
Ein Austauschjahr in Polen, das heißt eigene Bilder im Kopf vor Ort korrigieren, seinen Horizont erweitern, neue Leute kennen lernen und ein Land bereisen, das mit seinen gastfreundlichen und liebeswürdigen Menschen einfach entdeckt werden will. ERASMUS in Warschau – das ist das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Von Warschau nach Lemberg

Ganz am Ende meines Auslandsjahrs in Warschau machte ich mich mit zwei Freunden auf eine Reise von Warschau über Zamość nach Lemberg (Lwów) in der Ukraine. Wie es war? Interessant, abenteuerlich und eindrucksvoll.

Während der Reise habe ich eine zweiteilige Hörfunk-Reisereportage für deutschsprachige Redaktion von Polskie Radio dla Zagranicy (dem Auslandsdienst des Polnischen Rundfunks) erstellt.

Wer mag und sich einen Eindruck von der Reise und den Städten verschaffen möchte, ist herzlich zum reinhören eingeladen:

Von Warschau bis nach Lemberg - Teil 1
Von Warschau bis nach Lemberg - Teil 2

Ein Wiedersehen und ein Abschied

Lange, lange, lange ist es her, dass hier im Blog etwas neues stand. Ein Grund: Das Auslandsjahr in Warschau ist bereits seit mehr als einem halben Jahr beendet. Weitere Gründe waren einige Reisen und mehrere Projekte, die sich fast nahtlos an die Rückkehr aus Warschau anschlossen.

Nichtsdestotrotz möchte ich nach langer Pause das Projekt “BerlinWarschau.de” würdevoll zu Ende bringen. Und der Anlass für diesen Abschied könnte nicht passender sein: ein Wiedersehen mit Warschau. Denn vor kurzem ging es für ein verlängertes Wochenende zurück an die Weichsel. Es wurde ein wunderbares Wiedersehen mit vielen dort gewonnen Freunden und der Stadt, die fast für ein Jahr mein Zuhause war.

Und so ging es auch ganz schnell, bis man sich wieder an das Tempo, die Geräusche, die Bilder, die Gerüche und die Atmosphäre der Stadt gewöhnt hatte und sich in ihr wie eh und je zurecht fand und in ihr wie in einer altbekannten Wohnung bewegte. Doch trotzdem war es ein komisches Gefühl, nach so vielen Monaten des Lebens in Warschau nun als “Tourist” für ein verlängertes Wochenende zurückzukommen. Man war nicht mehr ganz Teil der Stadt aber auch kein Fremdkörper in ihr.

Über das Warschauer Tempo

Städte sind unterschiedlich. Sie unterscheiden sich in ihrem Aussehen, ihrer Lage, den vor Ort gesprochenen Sprachen und vielem mehr.

Ein Unterschied wird oft aber vergessen oder nur wenig beachtet: das Tempo einer Stadt. Vielleicht liegt es daran, dass es einem selbst oft garnicht auffällt. Lebt man in einer Stadt, passt man sich an. Ist man in ihr geboren, hat man das “einheimische” Tempo im Blut. Besucht man eine Stadt als Tourist, hat man seinen ganz persönlichen “Urlaubsschritt”.

Nach fast einem Jahr in Warschau gilt für mich der Fall der Tempo-Übernahme. Schleichend passt man sich an. Für einen selber unbemerkt hastet man zu seinem Ziel. Erst der Besuch aus Berlin machte einen auf diesen Prozess aufmerksam - “renn mal nich so”. Und da fiel es mir auf: Warschau ist schnell. Das Tempo der Stadt ist hastend bis rasend. Besonders im Zentrum rund um den Kulturpalast erhöht sich die Herzschlagfrequenz, der Puls der Stadt ins rasende. Verweilen gilt nicht.

Warschaus Tempo ist eben hoch - nicht nur beim dynamischen Wandel der Stadt in der überall spürbaren Zeit des Aufbruchs und der Transformation - auch auf den Bürgersteigen geht es rasant zu.

Rückblick: In Polen zur EM

Es ist schon einige Wochen her, dass die Zeit für einen kurzen Artikel auf diesen Seiten reichte, doch es ist auch viel passiert, und das nicht nur im fußballerischem Sinne. Einiges wird in den nächsten Tagen als weiterer Rückblick folgen, ein kleiner Kurzrückblicküberblick aber jetzt schon: Klausuren, Semesterende, Konferenzen, Reisen (u.a. in die Ukraine).

Natürlich war auch König Fußball in den letzten Wochen ein ständiger Begleiter. Die meisten Spiele habe ich dabei in Polen verfolgt. Mit Spannung erwartet wurde natürlich das Spiel Deutschland gegen Polen (2:0). Mal ganz abgesehen von der Kopf-ab-Rhetorik der Boulevard-Presse (im Ergebnis der Schlagzeilen wie wohl auch beim Entstehen in den Redaktionen), war den ganzen Tag eine sich steigernde Nervosität und Spannung, gepart mit großen Erwartungen über Warschau zu spüren. Dieses für polnische Fußballfans so wichtige Spiel warf lange im Vorfeld seine Schatten voraus und sorgte dafür, dass die ganze Stadt in rot-weiß versank.

Diesmal würde es gelingen, so die Meinung der polnischen Fans. Beenhaker der Held (mittlerweile schon mancherorts als Verräter verhasst - warum auch immer) wird wissen, wie man die Deutschen besiegen kann. Geguckt wurde, wenn nicht privat, dann beim Public Viewing oder in Kneipen. Im Park nähe der Metro-Station Pole Mokotowskie fand sich der “offizielle” Fanpark zur EM und diesen nutzten bei sommerlichen Wetter an die geschätzen 10.000 Fans. Allesamt für Polen. Alle? Nein, ein gutes Dutzend traute sich in die Öffentlichkeit und unterstützte das Deutsche Team. Anfänglich wurde man als Verlierer sehr belächelt und die Mehrheit lachte schadenfroh über die Verwegenen. Doch nach dem 1:0 wurde es ruhig. Die Stimmung kippte. Drohungen gegen das Dutzend Fans wurden laut, man suchte die Nähe zu den Security-Leuten und der Fernsehkamera. Beim Abseits-1:1 brach unbeschreiblicher Jubel aus, Bengalos brannten. Nach dem 2:0 brach jede Unterstützung der Polen zusammen. Es war “wie immer”. Einige gingen früher. Die Drohungen gegen die Deutschen Fans waren letztendlich leere Worte von einigen Betrunkenen. Die absolute Mehrheit war die ganze Zeit friedlich. Das grinsen im Bus musste man sich dennoch verkneifen.

An den nächsten Tagen fiel Polen immer mehr zurück. Das Last-Minute-1:1 der Österreicher brach das Fan-Genick und riss die Stimmung nieder. Von nun an ging es für viele gegen Deutschland und Russland. Selbst sonst weltoffene Studenten beschimpften Fans, die für Deutschland waren. Der Gedanke, ein Deutschland-Trikot zum Halbfinale beim Gucken in einer Kneipe nahe der Uni zu tragen, wurde allseits (auch von polnischen Freunden) als zu gefährlich abgelehnt. Aber am Ende blieb es immer ruhig. Und es war wie so oft: Deutschland stand im Finale. Und: die Stimmung während der 90 Minuten übertrug sich nicht auf den Alltag, weswegen man es als normale fußballerische irrationalität (die durchaus internationel ist) ad acta legen kann.

Als Fazit lässt sich sagen, dass die enttäuschende Leistung der polnischen Mannschaft sich auf die Stimmung im Land bezüglich der EM übertrug - leider. Ansonsten machte es Spaß, in der Sonne in Warschau das Fußball-Spektakel in Österreich und der Schweiz zu verfolgen, mit all den Fußballbegeisterten um einen herum.

Berlin–Warszawa: De-kon-struktion

An diesem Mittwoch, den 28.5., findet in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin eine Podiumsdiskussion mit dem Titel “Berlin–Warszawa: De-kon-struktion” statt.

Aus dem Inhalt: “Wie viel Asymmetrie vertragen die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen? Ist Geld der ultimative Schmierstoff, damit Kulturprojekte gelingen? Wie nützlich ist Polen für das kulturelle Gedächtnis der Deutschen? Stimmt die These von der deutschen Geschichtsvergessenheit und der polnischen Geschichstversessenheit? Gibt es deutsch-polnische Erinnerungsorte? Die tagespolitische Komponente beherrscht dabei allzu oft das (ver)öffentlich(t)e Bild und führt dazu, dass in der Öffentlichkeit die Pluralität des Deutsch-Polnischen verschwindet. Deshalb wird sich zur Aufgabe gemacht, diesen Umstand zu de-kon-struieren.”

Beginn: 17.00 Uhr
Achtung: Anmeldung erforderlich (genaues siehe bei den folgenden Links)

Einladung des “Zentrum für Historische Forschung Berlin” der Polnischen Akademie der Wissenschaften mit ausführlichen Programm und Infos

Info zur Veranstaltung von der Heinrich-Böll-Stiftung